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Erbhof Thedinghausen

Die Weserrenaisance im Norden
Der heute oft als Schloss bezeichnete Erbhof wurde im Stil der ausklingenden Weserrenaissance 1619/1620 erbaut. Er ist einer der schönsten Bauten der Weserrenaissance. Der Erbhof ist im Zusammenhang mit dem Bau der Burg Thedinghausen durch den Bremer Erzbischof Giselbert als Burgmannslehen um 1285 entstanden.

Ursprünglich war der Erbhof im Besitze der Familie von Amedorf, dann der Corlehakes und um 1600 des erzbischöflichen Drosten von Hermeling. Den heutigen schlossartigen Bau verdankt Thedinghausen einem Erzbischof, der es mit dem 6. Gebot nicht allzu genau nahm. In den Maientagen des Jahres 1612 kam der Bremer Erzbischof Johann Friedrich von Holstein-Gottorf (1596-1634) nach Thedinghausen. Er beabsichtigte, eine Probepredigt des Hermann Hütter, dem Kandidaten für die vakante Pastorenstelle in Lunsen, anzuhören. Da die Räume der Thedinghäuser Burg sich in einem nicht zumutbaren Zustand befanden, quartierte sich der Erzbischof im Hause des Drosten von Hermeling ein. Der 32-jährige Johann Friedrich, Prinz von Holstein, war ein weltoffener, kunstsinniger und zugleich galanter Kirchenfürst. Auf dem Erbhof sah er zum ersten Male Gertrud von Hermeling-Heimbruch, die Frau des weitaus älteren Drosten. Der Erzbischof war von der bezaubernden Erscheinung der Hausherrin so eingenommen, daß er bald eine große Zuneigung zu dieser klugen und gereiften Frau empfand, die, wenn man den bekannten Lebensdaten Glauben schenken darf, immerhin 15 Jahre älter war als er. Zwei Jahre später, 1614, starb plötzlich der greise Drost. Der Kirchenfürst kam nun häufiger nach Thedinghauser, kaufte 1618 der verwitweten Frau Gertrud für viel Geld den alten Erbhof ab, ließ ihn abreißen und auf dem gleichen Platz das heute noch erhaltene schloßähnliche Haus errichten.

Heute weiß niemand mehr, was damals gesagt und gesprochen wurde. Wenig Schriftliches ist überliefert, man weiß nur, daß der schon erwähnte sittenstrenge Lunser Pastor Hütter Anstoß an das Verhältnis des Erzbischofs genommen hatte. Einer staunenden Nachwelt blieb jedoch dieses zu Stein gewordene Vermächtnis einer großen Liebe trotz aller kriegerischen Wehren der Jahrhunderte erhalten. Frau Gertrud starb bereits zwei Jahre nach der Einweihung des neuen Erbhofes im Jahre 1622 kinderlos im Alter von 58 Jahren.

Danach schenkte der Erzbischof von Bremen den Hof seinen Kindern Friedrich und Christine, deren Mutter Anna Dobbel aus Bremervörde war. 1621 hatte der Kaiser beide Kinder legitimiert und unter dem Namen von Holstein in den Adelsstand erhoben. Von Christine von Holstein kam das Gut 1649 an den schwedischen Grafen Wirtenberg und 1657 an dessen Tochter Marianne Margarethe. Letztere verkaufte den Besitz 1681 an den schwedischen Drosten in Verden, Thomas von Gerstenberg, für 1100 Reichstaler. Sein Sohn und Nachfolger Heinrich Wilhelm war mit Katharina von Klencke aus dem Hause Donnerstedt verheiratet. Beider älteste Tochter Metta Beate, die mit dem Landrat Ludwig von Meihern vermählt war, erbte den Hof. Infolge der Kinderlosigkeit dieser Ehe fiel der Hof später an zwei Verwandte, nämlich an die von Ompteda, deren Namen auf den alten Flurkarten von 1766 wiederzufinden sind. Diese verkauften den Hof 1787 an zwei Bremer Bürger (für 34850 Reichstaler), die ihn aber noch in demselben Jahr an den damaligen Drosten zu Thedighausen, A. von Hugo, weitergaben. Dessen Sohn geriet in Konkurs, und der Hausvogt Lüder in Celle erwarb ihn 1829 für 30200 Reichstaler. Lüders Enkelin heiratete den Geometer Lillie, und nach dessen Tod erbte der Sohn den Erbhof.

1935 wurde der Hof der Tochter dieses Sohnes, Lia Lillie, zugesprochen. Deren Ehemann, der damalige Bankdirektor Henri Kriete, hat das architektonisch schöne Bauwerk von Grund auf restaurieren lassen. Für diese bauliche Wiederherstellung wandte er im Laufe der Jahre 1936 bis 1938 rund 50.000 Mark auf, was heute etwa einer Kostensumme von einer Million entsprechen würde. Dieser privaten Initiative von Herrn Henri Kriete ist das Erhalten dieses so wertvollen Baudenkmals der Weserrenaissance zu verdanken! Die Wiederinstandsetzung mit Hilfe von geeigneten Fachleuten wurde von der staatlichen Bauverwaltung damals als "vorbildlich" bezeichnet.

Der Erbhof blieb bis 1998 im Besitz der Familie Kriete. Seit 1999 ist die Samtgemeinde Thedinghausen Eigentümerin des Hofgrundstücks und der Gemeinde Thedinghausen gehören die umliegenden Ländereien. Der Erbhof war, wie die Karte aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigt, einschließlich seiner Wirtschaftsgebäude von einem Wassergraben umgeben, der später aber zugeschüttet wurde. Als letzter Rest dieses Grabens bestand bis nach dem 2. Weltkrieg noch ein sogenannter Ententeich vor der Südost-Kamin-Giebelseite des Wohnhauses. Auch dieser wurde bis 1953 zugeworfen. Hinter der Rückfront liegt heute ein Park mit einem sehr schönen und alten Baumbestand. Nach der Karte von 1766 besaß der Hof auch einen länglichen und großen Lustgarten jenseits des Burggrabens nach Osten zu, also in Richtung der heutigen Ausfahrt. Heute befindet sich dort ein Obst- und Gemüsegarten.

Zum Erbhof als einem alten Burgmannslehen gehörten früher bis zur Ablösung Mitte des vorigen Jahrhunderts noch eine Reihe von abgabepflichtigen Meierhöfen, von denen der jeweilige Gutsbesitzer der Grundherr war. Aus einer Aufstellung aus dem Jahre 1766 (Aufbewahrung im Niedersächsischen Staatsarchiv, Wolfenbüttel) ergibt sich, daß das "adelich freie Gut Erbhoff des Herrn Carll von Ompteda" 165 Morgen Ländereien und 198 Morgen Weiden und Wiesen bewirtschaftet. Dazu erhält es noch den Zehnten von Ländereien von insgesamt 1466 Morgen. Der Erbhof war der Grundherr von 42 Höfen im Amte Thedinghausen. Die meisten davon lagen in der Bürgerei, in der Hägerbauernschaft und in Eißel.

Der Ziegelrohbau besitzt im Erd- und Kellergeschoß Wände von 1 m Mächtigkeit. Die vier Eckpfeiler erreichen bis zu 2 m Durchmesser. Die zwei Hauptteile, von denen der südöstliche etwas länger ist als der nordwestliche, sind durch eine starke steinerne Zwischenwand voneinander getrennt. Drei Kamine, an beiden Schmalseiten und in der Mitte, erreichen Mächtigkeiten von 1,50 m bis 2 m. Die Innenunterteilung der zwei Hauptflächen bestehen aus dünneren Fachwerkwänden, die wohl einer jüngeren Zeit entstammen. Auf der Ostseite, der Hofseite, springen drei gleich große bis zum Boden reichende Erker vor. Der mittlere Erker dient zugleich als Treppenturm. Er besaß im Hauptgeschoß ursprünglich zwei Türen zu den beiden Hauptteilen. Heute besteht nur noch die rechte Tür, die linke wurde später zugemauert und mit Lehm verputzt. Herr Edmund Kriete hat ihre schöne alte Renaissanceumrahmung wieder freigelegt und farbig restaurieren lassen.

Fenster, Türborgen, Turmgiebel, Ziersäulen und Querschmuckplatten bestehen überall aus gelblichen Sandstein, der reich verziert ist. Die Sandsteinplatten zeigen große Medaillons mit Männer- und Frauenköpfen in der Tracht der damaligen Zeit (Radkragen, Federhüte, Spitzbärte usw.). Die Medaillonverzierungen tragen z.T. noch Spuren von blauer Farbe, müssen früher also einmal bunt grundiert gewesen sein. Bei der Betrachtung der drei Erker fällt auf, daß der mittlere am einfachsten gehalten ist. Seine massive Schlichtheit wirkt architektonisch äußerst reizvoll. Diese Einfachheit und auch seine Eigenschaft als Treppenturm lassen darauf schließen, daß er von Anfang an vorhanden gewesen ist. Die beiden äußeren Erker hingegen weisen mit ihrer Fülle von Zierornamenten und mit ihrer vom Hauptbau etwas abweichenden aufgelockerten Bauart darauf hin, daß sie später zugefügt sein könnten. Zwischen ihren stark verzierten Säulen mögen sie früher auch wohl an jeder der drei Seiten in beiden Obergeschossen je drei Fenster besessen haben, so daß der Blick von den Erkerräumen immer nach drei Seiten offen war. Heute sind diese Zwischenräume größtenteils zugemauert und stellenweise auch mit Mörtel verputzt worden.

Die Giebel der beiden Schmalseiten des Hauses sind von kräftigen Voluten eingefaßt (auch wieder andersartig als die zierliche Formen der Außenerker, aber passend zum Treppenturm!). Am unteren Dachrand enden die Voluten in geflügelten und bärtigen Gestalten. Die Fenster, von denen je zwei oder drei gemeinsame Rahmenverzierungen besitzen, zeigen in ihren schmalen Säulen Verzierungen von Früchten, Blättern und anderen Mustern. Die Aufsätze der Fenster haben schon stark barocke Formen.

Die Fundamente liegen etwa 3 Meter tief unter der jetzigen Hoffläche. Wegen des äußerst sumpfigen Bodens hat man den ganzen Bau, d.h. die tragenden Mauern, auf einen Pfahlrost gesetzt, dessen Pfähle ca. 15 - 25 cm stark sind. Darüber lagern dicke Sandsteinquader mit den etwaigen Ausmaßen von 1,50 m Länge und 0,50 m Höhe. Sie sind untereinander mit Eisenklammern verbunden. Darüber folgt dann das eigentliche Bauwerk . Als Baumeister des Erbhofes kommt Lüder von Bentheim, der Erbauer des Bremer Rathauses, in Betracht. Er ließ in seinen Formen auch den schon Anfang des 17. Jahrhundert beginnenden Barock anklingen. Überall in den Ziermustern des Erbhofes findet man schon die Umbildung des Rollwerks zum Knorpelwerk, das die lineale Struktur der älteren Formengebungen durch gewulstete, lappige und knorpelige Bildungen ausweitet und damit schon zu den barocken Formen überleitet. Zu diesen Überleitungsornamenten gehören - wie bereits erwähnt - auch die Fensterbekrönungen. Der Gesamteindruck bleibt jedoch Renaissance, und zwar Weserrenaissance, für die u.a. auch das Bossensteinornament der Eckquader typisch ist.

(Quelle: www.thedinghausen.de)



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